Wie befürchtet gibt es Zeitgenossen, die den Bogen wissentlich überspannen. So auch geschehen im Fall des Loveparade-Unglücks. Ein aus meiner Sicht diffamierender Beitrag, der angeblich Satire sei und primär der persönlichen Belustigung des Autors und seiner Kommentatoren diente.
Spätestens mit der Veröffentlichung im Netz und der anschließenden Verbreitung über Twitter überschritt der Autor jedoch eine feine Grenze. Diesen Beitrag rein zur persönlichen Belustigung zu schreiben und einem geschlossenen Verteilerkreis zur Verfügung zu stellen hätte ausgereicht und Satire zur eigenen Unterhaltung legitimiert.
Die Reaktionen in den Tweets jedoch zeigen, das der Bogen schlichtweg überspannt wurde.

Tweets Elternhilfe
Im Rahmen meiner Beiträge zum Thema Ethik im Online-Journalismus äußerte ich, dass der Presserat auch Blogger, die durch Verstöße auffallen entsprechend rügen möge.
Bei einem Blick in die Aufgaben und Ziele des Presserates wird jedoch schnell deutlich, dass die Gruppe der Blogger schlichtweg nicht erfasst werden kann, da sich diese Menschen nicht dem Pressekodex verschrieben haben.
Aufgaben und Ziele des Presserates
Als Freiwillige Selbstkontrolle der Presse beschäftigt sich der Deutsche Presserat grundsätzlich mit zwei großen Zielen: der Lobbyarbeit für die Pressefreiheit in Deutschland und dem Bearbeiten von Beschwerden aus der Leserschaft. Im Einzelnen verbergen sich hinter diesen zwei großen Aufgaben folgende Ziele:
- Eintreten für die Pressefreiheit
- Eintritt für den unbehinderten Zugang zu Nachrichtenquellen
- Wahrung des Ansehens der deutschen Presse
- Aufstellen und Fortschreiben von publizistischen Grundsätzen sowie Richtlinien für die redaktionelle Arbeit (Pressekodex)
- Beseitigung von Missständen im Pressewesen
- Behandlung von Beschwerden über redaktionelle Veröffentlichungen und journalistische Verhaltensweisen auf der Basis des Pressekodex
- Selbstregulierung des Redaktionsdatenschutzes
- Ansprechpartner für Leser, Journalisten und Verleger
Blickt man in den Pressecodex, findet sich in Richtlinie 11.3 zumindest für Journalisten eine Grenze. Blogger können diese Grenze ungeniert überschreiten.
Richtlinie 11.3 – Unglücksfälle und Katastrophen
Die Berichterstattung über Unglücksfälle und Katastrophen findet ihre Grenze im Respekt vor dem Leid von Opfern und den Gefühlen von Angehörigen. Die vom Unglück Betroffenen dürfen grundsätzlich durch die Darstellung nicht ein zweites Mal zu Opfern werden.
Was also tun? Sperren? Löschen? Zensieren? Abstrafen? Wer führt es durch? Wer kontrolliert die Kontrolleure? Ein wahres Wespennest.
Bedrückender noch, als der satirisch gemeinte Beitrag sind für mich jedoch die Kommentare. Fans der Satire amüsieren sich köstlich über die Schreibe von Lars Wienand und das Ansinnen, den Beitrag überhaupt in Frage zu stellen. Ich frage mich unterdessen, was diese Menschen motiviert.
Satire ist gut und auch ich bin Fan beißender Ironie und Sarkasmus – manchmal auch mit Hang zum Zynismus.
Satire verfolgte in der Vergangenheit jedoch überwiegend den Zweck, auf einen Missstand aufmerksam zu machen. Im Bereich von Politik und Showbiz ist das meist angemessen. Spätestens jedoch, wenn der Glaube der Menschen betroffen ist, ist für mich eine Grenze erreicht.
Fans der Satire argumentieren nun, Sie seien Agnostiker oder Atheisten und können insofern Glaube nicht als Grenze der eigenen Schreibe akzeptieren. Damit schaffen sie sich die ultimative Rechtfertigung in wirklich allen Belangen die Satire – quasi zum Selbstzweck verkommen – zur eigenen Unterhaltung zu verwenden.
Ich frage mich nun, welche Menschen sich hinter diesen Worten verbergen. Sahen Sie jemals in ihrem Leben menschliches Leid oder haben dies selbst empfunden? Waren Sie jemals eingeschränkt in ihrer Meinungsfreiheit und mussten um die Folgen jeder Äußerung bangen? Haben sie jemals unter einem Regime gelebt, dass dringend der Satire bedurft hätte? Haben Sie jemals durch ein Unglück einen Menschen verloren?
Ich unterstelle, dass dem nicht so ist. Ich unterstelle, dass diese ausufernden und verletzenden Texte ein Anzeichen für mangelnde soziale Kompetenz sind. Vielmehr noch scheinen sich die Autoren der Freiheit nicht bewusst, in der Sie leben und die ihnen nur durch die Zugehörigkeit zur Gesellschaft ermöglicht wird. Traurig, dass bereits 65 Jahre in Frieden und Wohlstand Teile der Gesellschaft derart entrücken.
Schilderung der Hintergründe
http://alex-kempe.de/blog/frau-herman-hat-verstopfung/
Der Autor bei der Schilderung der Motivation im Gespräch mit Lars Wienand, Rheinzeitung
http://antimensch.wordpress.com/2010/07/26/breaking-news-keyser-soze-im-gesprach-mit-der-rhein-zeitung-nur-hier-auf-am/
Berichterstattung Internetauftritt der Rhein-Zeitung zum Vorfall
http://www.rhein-zeitung.de/nachrichten/computer/computernews_artikel,-Blogger-triumphiert-wegen-Empoerung-ueber-Love-Parade-Satire-_arid,116878_arpage,3.html#articletop